Nationalsozialistische Verbrechen, Widerstand und Erinnerung in den Karnischen Alpen

 

 

Die Zeit heilt alle Wunden“, besagt ein gängiges Sprichwort. Wer durch die Karnischen Alpen wandert, kann die Narben in der Landschaft in Form von Schützengräben oder Granattrichtern aber immer noch erkennen. Hier setzt man den Fuß nicht nur in herrliche Natur, sondern auch in ehemaliges Kriegsgebiet. Während des Ersten Weltkriegs verlief entlang der Karnischen Alpen die Front zwischen Italien und Österreich-Ungarn. Doch diese Berge und Almen verbergen noch weitaus dunklere Geheimnisse.

 

Falsche Täter – Vergessene Opfer

 

Einer, der sich schon lange mit der Geschichte in den Karnischen Alpen beschäftigt, ist der Gailtaler Hannes Guggenberg. „Mit dem Sturz Mussolinis in Italien 1943 und der darauffolgenden Okkupation von Friaul durch die Wehrmacht, kam es in den Karnischen Alpen zu Konflikten. Der Widerstand gegen die Faschisten und ihre menschenverachtende Politik wurde stärker und in der Carnia wurde sogar eine autonome Partisanenrepublik ausgerufen.“ Die Nazis setzten auf Terror gegen die Bevölkerung, um ein weiteres Erstarken der Widerständigen zu verhindern. „Im Juli 1944 startete vom Gailtal aus eine SS-Truppe, welche sich im Almbereich des Oberen Gailtales mit italienischen Faschisten vereinigte und als Partisanen verkleidet eine Blutspur von Alm zu Alm und weiter bis nach Tolmezzo zog.“ Unter dem Titel „Bandenbekämpfung“ wurden Zivilisten, die in den Almen arbeiteten, von der Truppe ermordet. Darunter Kinder und Frauen, die als Sennerinnen oder Hirtenjungen tätig waren. Jahrzehntelang schob man die Täterschaft den antifaschistischen Partisanen in die Schuhe. Den Opfern gedachte man nicht. Außerordentliches Detail der Geschichte: In der Soldatenkapelle auf der Rattendorfer Alm, welche auch zum Operationsgebiet von Partisanen gehörte, wird seit einigen Jahren auch an den Partisanen-Kommandanten Augusto erinnert. Immerhin.

 

Neue Forschung & grenzüberschreitendes Gedenken

 

Es war der italienische Historiker Dino Ariis, der vor einigen Jahren aufdeckte, dass die nie geahndeten Verbrechen von Faschisten begangen wurden. Seine Dokumentation „Il sangue deli Innocenti“ (Das Blut der Unschuldigen), kann man online als Dokumentation ansehen. Auf österreichischer Seite wiederum war es der Drautaler Historiker Peter Pirker, der in aufwändiger Forschung die Geschehnisse in den Karnischen und Julischen Alpen akribisch recherchierte und so auch Licht in die tragische Geschichte des Obergailtaler Widerstandskämpfers Rudolf Moser bringen konnte. Vor diesem Hintergrund fand 2019 zum ersten Mal eine grenzüberschreitende Gedenkveranstaltung und Wanderung statt. „Die Opfer der Naziverbrechen sollen nicht länger verschwiegen und vergessen werden. Schon gar nicht in einer Zeit, in der der Rechtsextremismus wieder aufblüht und erstarkt“ erklärt Guggenberger. Auf das nicht neue Wunden entstehen, wo Alte noch nicht verheilt sind.

 

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